Sightseeing auf dem Weg zur Arbeit

Derzeit fahre ich, sofern ich nicht ohnehin mit dem Fahrrad unterwegs bin, mit der „Bim“ in die Arbeit, und zwar mit dem „68er“, einer jener Straßenbahnen, die als Schienenersatzverkehr für die in Renovierung befindliche Linie „U1“ eingesetzt wird.

Ich steige an der Haltestelle Trost(los)-Straße / Laxenburgerstraße nach einer aus U-Bahnzeiten gewohnten Wartezeit von gefühlten 25 Minuten in die Bim ein und nehme gegenüber von zwei grauen Gestalten Platz.

Während sich die beiden und die meisten anderen ebenso grauen Fahrgäste um mich herum sogleich in die Lektüre der für umfassende objektive Berichterstattung und seriöse Meinungsbildung bekannte Gratiszeitung „Heute“ vertieft haben, beschließe ich einfach aus dem Fenster zu schauen.

 

etappe 1: hotel favorita

 

Bald nach Abfahrt der „Bim“ aus der trostlosen Station werde ich eines mit  klingendem Namen „Hotel Favorita“ versehenen Gebäudes gewahr. Auf dem Foto der Hotel-Website versuchen zwei Bäume aus Kunststoff ein lustiges Detail zu verschleiern, weshalb ich keine Mühen gescheut habe, im Rahmen einer Sonderexkursion diesen Anblick selbst festzuhalten:

 

Hotel Favorita

 

 

Wie man sieht, ist der „Willkommen“-Tafel auf der linken Seite des Portals rechts eine Tafel der „SPÖ Favoriten“ gegenübergestellt und ich schließe aufgrund der vollendeten Harmonie aus dem so schön klingendem Namen FAVORITA und der noch schöneren roten Fassadenfärbung, dass es sich hierbei eigentlich nur um ein parteieigenes Stunden-Hotel, also schlicht um ein rotes Puff, handeln kann.

Indes macht man den Touristen das „Austria Trend Hotel Favorita“ als ein im Jugendstil erbautes Vier-Sterne-Hotel schmackhaft, das 1902 vom Otto-Wagner-Schüler Hubert Gessner erbaut wurde.

Das beweist natürlich gar nichts, denn auch klerikale Bauten werden den Touristen nicht weniger vorteilhaft angepriesen, während in diesen Gebäuden bekanntlich Zustände herrschen, die Sodom und Gomorrha als reinsten Kindergarten erscheinen lassen und eigentlich umgehend den alten judäisch-katholischen Rachegott auf den Plan rufen müssten.

 

Etappe ii: der neue haupbahnhof

 

Dann zuckelt die offenbar original aus Zeiten der gleichnamigen Bewegung stammende Garnitur des „68er“ in Richtung Südbahnhof. Dort angelangt geht es besonders langsam weiter, um den Fahrgästen ausgiebig Gelegenheit zu geben, sich vom Fortschritt der im Auftrag der (ehemals staatlichen) Eisenbahn-Aktiengesellschaft entstehenden hauptbahnhöflichen Betonwüste überzeugen zu können. Und fürwahr, der Plan, den alten hässlichen Bahnhof durch einen neuen, noch viel hässlicheren zu ersetzen, scheint in höchster Perfektion aufzugehen. Um sich davon auch noch Generationen später überzeugen zu können, hat man den hässlichen Zwillingsbruder des Südbahnhofes, den Westbahnhof, stehen lassen und ihn sicherheitshalber sogar unter Denkmalschutz gestellt.

 

etappe iii: Wiener zukunftsaussichten

 

Nach einer hübschen Umrundung einer weiteren Attraktion Wiener Zukunftsaussichten in Form eines Noodle-Pizza-Kebab-Mit-Alles-aber-nix-Heimisches-Standls bei der D-Wagen-Schleife geht es die Prinz-Eugen-Straße steil bergab in Richtung „City“, den tiefen Ort des Regierens.

 

etappe iv: die strenge „kammer“

 

Die bald zur Linken auftauchende „Kammer für Arbeiter und Angestellte“, uns Lohnsklaven hauptsächlich durch die von „irgendwo da oben“ verordnete Zwangsmitgliedschaft bekannt, wirkt wie immer fest verschlossen. Das sollte nicht weiter verwundern, denn ähnlich wie die Kammermusik einst für die fürstliche „Kammer“, also zur Belustigung degenerierter Aristokraten, gedacht war, ist diese Kammer nur zur Belustigung des degenerierten bürokratischen Fürstentums, und keineswegs als Anlaufstelle für die Probleme der namensgebenden Bevölkerungsschicht errichtet worden. Für letztere Funktion hätte das Gebäude nämlich weitaus größer angelegt werden müssen, und dieses hätte am Ende für die Bürokratiefürsten vielleicht doch etwas zu bedrohlich gewirkt. Daher hat man es lieber bei der Errichtung eines beschaulichen Inkassobüros belassen.

Dabei fällt mir ein: Weil die Degenerierung bürokratischer Fürsten in Folge des ungebrochenen Fortschrittsglauben wesentlich weiter fortgeschritten ist als jene der einstigen aristokratisch-rückschrittlichen Fürsten, und weil der Volksmund degenerierte Zeitgenossen so gerne und so liebevoll mit dem Kosewort „Depperl“ bedenkt, sollten wir doch nicht minder liebevoll eine Umbenennung der Herberge für bürokratische Inkasso-Genossen in „Kammerl“ erwägen. „Kammerl“ klingt auch gleich viel weniger streng als „Kammer“, nicht wahr?

 

etappe v: Schrott auf dem schwarzenbergpplatz

 

Gleich nach dem Kammerl in spe weitet sich die Straße zu einer ungeheuer weiten Asphaltwüste namens  Schwarzenbergplatz. Der allseits beliebte Hochstrahlbrunnen repräsentiert nichts weiter als einen Kalender, denn am Beckenrand befinden sich 365 die Tage im Jahr repräsentierenden kleine Springbrunnen, sechs weitere Springbrunnen zwischen Beckenrand und innerer Insel entsprechen samt dieser den sieben Wochentagen. Die zwölf namensgebenden hohen Strahlen versinnbildlichen die Monate, 24 niedrigere die Stunden des Tages und 30 weitere Strahlen der mittleren Insel die Tage des Monats. Weil es aber immer gleichzeitig aus gar keiner oder gleichzeitig aus allen Düsen pritschelt, ist der Kalender natürlich völlig unbrauchbar.

Gleich vor dem unbrauchbaren Wasserkalender türmen sich die Überreste eines Schrottplatzes, der angelegt worden war, um die zahlreichen Havarien vom stark befahrenen Platz nicht abtransportieren zu müssen sondern gleich als weiteres Mahnmal österreichischer Gesinnung vor Ort belassen zu können.

 

Der "Schrottplatz" am Schwarzenbergplatz

 

Mit der Zeit nahm der Schrottplatz aber derart gigantische Ausmaße an, dass die sich trotz der vielen Unfalltoten stets vermehrenden Kraftfahrer die Wüste nicht mehr befahren hätten können, sodass man das Altmetall bis auf das jetzt noch vorhandene Häufchen entfernte.

Ein besonders findiger Kopf hat voriges Jahr versucht, dieses Überbleibsel mit dem klingendem Namen „The Morning Line“ als Klangpavillon auszugeben, indem er in die Metalltrümmer ein paar Lautsprecher hängte, aus denen er genialerweise der Umgebung angepasste Geräusche wiedergeben ließ. Denn es ist in der Tat leicht einzusehen respektive einzuhören, dass jeglicher Wohlklang die fast schon natürlich wirkende Kakophonie der Schwarzenbergwüste nur unangemessen gestört hätte.

 

etappe vi: lueger und wien

 

Nach nur knapp einer gefühlten Fahrstunde hält die „Bim“ schließlich an meiner Destination, dem Stubentor, unweit dessen sich der Dr.-Karl-Lueger-Platz befindet. Am Ring diametral fast gegenüber befindet sich übrigens der kürzlich auf Antrag der Wiener Universität in Universitätsring umbenannte Dr.-Karl-Lueger-Ring.

Als sehr fadenscheinige Begründung für die Umbennung hat die Universität angegeben, dass der seinerzeitige Bürgermeister schon gar arg wissenschaftsfeindlich gewesen wäre. In Wahrheit aber war Lueger sicherlich der fortschrittlichste und wissenschaftlichste Bürgermeister aller Zeiten, der sich mit seinem vollautomatischen pneumatischen Leichentransport von der Stadt auf den „Zentral“ hinaus bestimmt einen Namen gemacht hätte, wäre da nicht die schon damals bigotte Wiener Gesellschaft dagegen gewesen.

Nun wie auch immer, unser Stadtrat Mailath-Pokorny meinte dazu: „Der Lueger Ring reicht zwischen den beiden Leuchttürmen der Aufklärung: also dem Burgtheater und der Universität und das ist tatsächlich ein wenig zynisch, wenn man dann an einem so doch eher nicht der Aufklärung verpflichtenden Bürgermeister als Namensgebers dieses Teils des Rings aufscheinen lässt.“

Na schön, Herr Mailath-Pokorny, ist es aber dann nicht um Einiges zynischer, wenn man nach einer derart bahnbrechenden Erkenntnis die Pallas Athene, die Göttin der Weisheit also, ausgerechnet vor dem Parlament stehen lässt?

Allgemeines Fazit: Mit der U-Bahn ist man schneller am Ziel, dafür aber in sehr finsteren Gefilden unterwegs, wohingegen man mit der Straßenbahn zwar länger braucht, diese Gemächlichkeit aber dafür geradezu erhellend sein kann!

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