Der Flötenspielende Faun und die Schachtelhalmblasende Fauna

Eigent­lich ist eine Spott­dros­sel nicht unbe­dingt eine Freun­din zeit­ge­nös­si­scher Kunst. Unlängst hat sich aller­dings erwie­sen, dass ein Besuch einer der­ar­ti­gen Aus­stel­lung durch­aus sehr inspi­rie­rend sein kann. In der Albertina sind zur Zeit Werke aus der Sammlung Werner ausgestellt, darunter auch Pablo Picassos Flötenspielender Faun (das hier wiedergegebene Foto stammt aus dem Katalog im Museumsshop), der die parodistische Gegenüberstellung z. B. einer Schachtelhalmblasenden Fauna geradezu herausfordert.

Die im Ausstellungsraum neben Picassos Zeichnung angebrachte Bildinterpretation ist zwar an Komik kaum zu überbieten, aber auch dieser Herausforderung konnte ich nicht widerstehen. Hier also die Gegenüberstellung:

 

(I) Picasso: Flötenspielender Faun

 

Pablo Picasso: Der flötenspielende Faun

Flötenspielender Faun

Wortgetreue Wiedergabe der im Ausstellungsraum neben Picassos Zeichnung angebrachten Bildinterpretation:

„Der flotte, locker und expressiv gesetzte Kreidestrich der Zeichnung eines musizierenden Fauns bringt Leidenschaft und Energie zum Ausdruck. In dieser versonnenen, harmlosen und in sich versunkenen Figur verbindet sich das animalisch-triebhafte mit dem Ausdruck sanfter Sinnlichkeit. Dieser Zusammenklang entgegengesetzter Kräfte lag Picassos Suche nach Inspiration und Formfindung als wesentliche Motivation zugrunde.

Friedrich Nietzsche hat die Entstehung und Fortentwicklung von Kunst in seiner Schrift Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik (1872) als Prinzip eines notwendigen appolonisch-dionysischen Dualismus formuliert. Unter dem Einfluss dieser Idee stand Picasso seit frühester zeit. Auf seine Zeichnung übertragen, würde die schöne Linie und klare Form das appolonische Prinzip, das Wilde, trieb-und rauschhafte Lebendige dagegen das dionysische verkörpern.“

 

(II) Picasso: Schachtelhalmblasende Fauna

 

Die Schachtelhalmblasende Fauna

Schachtelhalmblasende Fauna

Hierzu eine parodistische Interpretationsskizze von Simone Stefanie Klein:

Am Morgen des 8. Oktober 1887, 17 Tage vor seinem 6. Geburtstag, war für Pablo die Welt noch in Ordnung. Wie fast jeden Tag saß er vor dem Spiegel und porträtierte sich selbst in Form eines flötenspielenden Fauns. Das kindlich-unbefangene Selbstporträt jenes Tages ist derzeit in der Albertina unter dem Aspekt eines notwendigen apollonisch-dionysischen Dualismus ausgestellt.

Diese einseitige philosophisch-spekulative Darstellung verschleiert jedoch die Tatsache, dass Pablo am Nachmittag just desselben Tages, der naiven Selbstdarstellung jäh überdrüssig geworden, dem flötenspielenden Faun in ausschweifenden, ausdrucksstarken und ausgesprochen lustvoll gesetzten Kreidestrichen sich selbst transzendierend eine derzeit in Privatbesitz befindliche schachtelhalmblasende Fauna gegenüberstellte.

Sigismund Schlomo Freud hätte das Frühwerk respektive Nachmittagswerk des späteren Casanova zweifellos als Paradebeispiel sexueller Sublimierung gedeutet. Pablo hingegen nahm archetypisch bereits Carl Gustav Jung vorweg, indem er seine Anima von innen nach außen projizierte, wo sie als Göttin Fauna dem jungen Faun derart animalisch entgegentrat, dass diesem bald ein wenig sublimes Flötenspiel in den Sinn kam, weshalb die jungfräuliche Fauna ihm salopp gesagt letztlich den Marsch blies. So seiner Anima schon sehr früh verlustig geworden, rächte sich Picasso im späteren Leben an den Frauen, indem er von ihnen uneingeschränkte Hingabe erwartete, im Gegenzug aber nur noch sich selbst liebte.

Ein Kommentar

  • Wolfgang Nitsch schrieb:

    Jetzt fehlt uns nur noch das Duett…

    Die Bildlegenden zu den ausgestellten Werken haben übrigens mein Repertoire an einschlägigem „Jargon“ einigermaßen erweitert; immer wieder habe ich mich gefragt, welcher kreative Geist wohl hinter den flockigen Formulierungen steht – und wie er auf Rückfrage diese selbst wohl mit eigentlichem Inhalt füllen würde.

    Der Faun und sein Ausdruck hat mich übrigens besonders fasziniert – eines der beeindruckendsten und beschäftigendsten Werke der ganzen insgesamt großartigen Schau!

    WoNit / Wien

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