Frohe Stunden

Die deutsche Dichterin Friederike Kempner (* 25. Juni 1828 in Opatów, Provinz Posen; † 23. Februar 1904 auf Gut Friederikenhof bei Reichthal, Schlesien) war schon zu Lebzeiten wegen ihrer lyrischen Ausrutscher als „schlesische Nachtigall“ oder „schlesischer Schwan“ verschrien. Dass der Pöbel dieses Vorurteil weiter tradiert, ist nicht verwunderlich, dass aber auch die sogenannte Wissenschaft nein, verwundert eigentlich auch nicht. Denn dort sitzt ja im Grunde derselbe Pöbel, der – ein bisschen frisiert und ein wenig universitär 1 dressiert – sich besser vorkommt. Und so schimpfen die selbstherrlichen, akademisch dressierten Spatzen auf die „schlesische Nachtigall“ vor allem wegen der angeblichen „Unzulänglichkeit sprachlicher Formgebung“. Gerade die sprachliche Formgebung ist nämlich eines der beliebtesten Gängelbänder akademisch-„universitärer“ Dressur. 2

So zementiert unter anderen auch die „Neue Deutsche Biographie“ das so liebgewonnene Vorurteil:

 

Berühmt wurde sie [Friederike Kempner] durch ihre erstmals 1873 erschienenen Gedichte, die von den Zeitgenossen ironisch gelobt wurden und bis heute als Musterbeispiele unfreiwilliger Komik gelten. Kempner orientierte sich vorwiegend an der klassisch-romantischen Tradition und bevorzugte Naturmotive und spruchhafte Lyrik, scheiterte jedoch meistens künstlerisch an der Unzulänglichkeit ihrer sprachlichen Formgebung und an stilistischen Mißgriffen. Dadurch ergab sich oft ein Bruch zwischen dem groß gedachten Thema und der von Platitüden durchsetzten Gestaltung, der die Gedichte ungewollt zu Parodien auf verbrauchte lyrische Konventionen machte. Gerade darum wurden sie sehr erfolgreich, erreichten 1903 die 8. Auflage und werden mehr als 100 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen immer noch gelesen.

 

Aus:Haida, Peter, „Kempner, Friederike“, in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 489 f. [Onlinefassung]; 
URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd116127473.html

 

 Erstens stammen viele unter dem Etikett Friederike Kempner verbreiteten Gedichte überhaupt nicht von ihr, sondern vom „parodierenden“ Pöbel. Zweitens: Wer sagt denn, dass Kempners Humor (immer) von vornherein unfreiwilliger Natur ist? Lassen wir Friederikes Humor doch einmal freiwillig sein und anhand eines Beispiels das Positive ihrer Lyrik hervorheben:

 

Frohe Stunden

Jedesmal, wenn frohe Stunden
Mir im Herzen stattgefunden,
Haben sich mir vorgestellt
Auch die Leiden dieser Welt.

 

Schon, daß gar so sehr verschieden
Unsre Lose sind hienieden –
Goethe zwar fand nichts dabei,
Doch mir scheint’s nicht einwandfrei!

 

Pilz des Glücks ist dieser eine,
Jener Stiefpilz des Geschicks;
Einem sind als O die Beine,
Andern wuchsen sie als X.

 

Sorglos aalen sich die Reichen,
Andern sind die Gelder knapp,
Und noch ungestorb’ne Leichen
Senkt zum Orkus man hinab.
Wißt Ihr nicht, wie weh das thut,
Wenn man wach im Grabe ruht?

 

Das Gedicht beginnt mit der fundamentalen Antithese „Keine Freud ohne Leid“. Von höchst subtilem Witz geprägt ist die Verbindung der „frohen Stunden“ mit einer weiblichen Kadenz, während die „Leiden der Welt“ mit einer männlichen Kadenz enden. Im Klartext heißt das: Die Leiden kamen durch den Mann in diese Welt, und zwar in DIESE Welt, nicht die Welt im Allgemeinen!

Auch wusste Friederike, dass die im „modernen“ Europa verkündete Gleichheit der Menschen als Gegensatz zur „alten“ Standesgesellschaft bestenfalls ein frommer Wunschtraum ist. Denn auch heute entscheidet nach wie vor das „Los des Schicksals“, namentlich die finanziellen Verhältnisse, über das irdische Fortkommen. Denn während jene von Beruf Sohn den Mastertitel an der WU mit Ach und Krach schaffen, dann mit Hilfe von Seilschaften „Karriere“ machen, um als sogenannte Arbeitgeber 3 ihr wahres Wesen auszuspielen, also salopp formuliert

 

„ein Arschloch von Format zu sein,
das mit viel Lärm und ungeniert,
nichts als nur Scheiße produziert!“ –,

 

Aus dem Gedicht "Des Körpers Lebensweisheit, auch bekannt als das "Arschloch-Gedicht"

muss die Mehrzahl der Systemsklaven die produzierte Scheiße wieder wegputzen.

Klar, dass der Reiche „nichts dabei fand“. Friederike hat Goethe als exemplarisches Beispiel vermutlich im Andenken an den von ihr verehrten Carl Ludwig Börne ausgesucht. Börne gilt landläufig als Goethe-Hasser, dessen Kritik am „Dicherfürst“ aber gleichwohl differenziert wie fundiert ist. Denn er wusste Goethes Frühwerk (Werther, Götz und Egmont) und Lyrik durchaus zu schätzen. Börnes Kritik bezog sich vor allem auf Goethes mangelndes politisches Bewusstsein. Hier der Herr Geheimrat zur eigenen Ignoranz bezüglich der Französischen Revolution:

 

Hier muß ich noch einer Eigenthümlichkeit meiner Handlungsweise gedenken. Wie sich in der politischen Welt irgendein ungeheures Bedrohliches hervorthat, so warf ich mich eigensinnig auf das Entfernteste.

 

Zum anderen kritisierte Börne bei Goethe das Primat der Form, in dem er vor allem eine emotionale Teilnahmslosigkeit sah.

Nun, wenn man genau hinschaut, sind witzigerweise sowohl Arme wie auch Reiche unglücklich und Börne hat das sehr schön auf den Punkt gebracht:

 

Armut ist eine Sandbank, Reichtum ein Felsen im Meer des Lebens. Die Glücklichen schiffen hindurch.

 

Kein Wunder dass die sozial engagierte Friederike in Carl Ludwig Börne einen Seelenverwandten fand. Sie war nämlich gegen die Übel ihrer (und zum Teil sind es auch solche der heutigen) Zeit (Vivisektion, Luftverschmutzung, Einzelhaft auf Lebenszeit, allzu rasches Verscharren der Toten etc.) nicht nur engagiert, sondern hatte im Gegensatz zu den heutigen „engagierten Dichtern“ sogar Erfolg mit ihren Gedichten und Denkschriften! So setzte sie bei Kaiser Wilhelm I mit ihrer „Denkschrift über die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern“ die Errichtung von Leichenhäusern zwecks mehrtägiger Aufbahrung durch, um die Beerdigung von Scheintoten zu verhindern. (Friederikes Leichnam wurde eingeäschert, die Urne ist in Breslau beigesetzt.)

Es war aber vielleicht auch ein anders Band, das die beiden verband: Witz und ein Gespür für literarische Rhetorik.

Denn der in den „Frohe Stunden“ enthaltene „Pilz des Glücks“ ist nicht nur ein gelungener Metaplasmus (rhetorische Figur, bei der einzelne Wörter gegen die Regeln der Morphologie oder Phonologie verändert werden, um z.B. einen komischen Effekt zu erzielen), sondern gibt durch die kurzen, staccatoartigen Wörter das schnelle Wachstum so eines „Pilz des Glücks“ auch klanglich perfekt wieder.

Von nicht minderer poetischen Schönheit ist der benachteiligte Bruder, der „Stiefpilz“! In den Zeilen

 

Einem sind als O die Beine,
Andern wuchsen sie als X.

 

wiederum ist besonders der Chiasmus zu beachten, der die Antithesen besonders prägnant gestaltet.

In der Contradictio in adjecto „ungestorb’ne Leichen“ taucht zweifellos Friederikes immer wiederkehrendes Motiv, die Forderung nach der Errichtung von Leichenhäusern, auf, es sei aber zur Diskussion gestellt, ob die Schlussverse

 

Wißt Ihr nicht, wie weh das thut,
Wenn man wach im Grabe ruht?

 

nicht gerade heute (wieder) über dieses primäre Thema hinausweisen: Denn die „ungestorb’nen Leichen“ kann man sehr wohl auch als Metapher für die vielen Chancen-, Arbeits- und Rechtlosen auffassen, die von den völlernden Reichen zu allen Zeiten skrupellos in den „Orkus hinabgesenkt“ wurden und werden. Wieviele Seelen sind inzwischen an der Despotie der „Sachzwänge“ im heutigen Getriebe kalter Funktionalität gestorben – und was sonst als „ungestorb’nen Leichen“ sind diese vielen „Seelenlosen“?

Ja, es tut in der Tat weh, geistig „wach im Grabe“ dieser (europäischen) Zivilisation zu ruhen!


  1. Die Universität (vom lateinischen universitas magistrorum et scolarium) war ursprünglich eine „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“, die der Pflege und Entwicklung der Wissenschaften durch Forschung, Lehre und Studium diente und ihren Studenten wissenschaftsbezogene Berufsqualifikationen vermitteln sollte und meinte daher ganz allgemein eine umfassende wissenschaftliche Bildungseinrichtung. Die heutigen „Universitäten“ hingegen pflegen das engstirnige Spezialistentum und sind deshalb nichts anderes als Dressuranstalten.
  2. Rousseau meinte es gäbe nichts „Lächerlicheres als den Gang von Leuten, die als kleine Kinder zu lange am Gängelband geführt“ worden seien. In Analogie meine ich: Es gibt nichts Lächerlicheres als Leute, die zu lange am Gängelband der geistigen Dressur geführt worden sind!
  3. Der Begriff „Arbeitgeber“ entspringt nämlich jener euphemistischen Rhetorik, die einen Unternehmer als gönnerhaften Menschen darstellt. „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ sind nämlich genau falsch herum definiert, weil ja in Wahrheit die Arbeitnehmer ihre Arbeitskraft dem Arbeitgeber geben und nicht umgekehrt. Die „Arbeitgeber“ hingegen nehmen diese Arbeit – unter „Gegenleistung“ einer miserabler Bezahlung – an. Diese Leute „geben“ also überhaupt nichts!

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